DESIGN DISKURS
Das Bauhaus Dessau begeht 2026 sein 100-jähriges Gründungsjubiläum am Standort Dessau, wohin es von seinem Ursprungsort Weimar umziehen musste. Aus diesem Anlass feiert die Stiftung Bauhaus Dessau das Ereignis mit einem umfangreichen Programm unter dem Motto „An die Substanz“. Damit verbunden ist die Frage nach der Relevanz der Ideen des historischen Bauhauses für heutige Herausforderungen.
Diese Frage wird auch in einem Schriftprojekt diskutiert, das die Kuratorische Werkstatt der Stiftung Bauhaus Dessau mit dem Leipziger Schriftkollektiv Camelot Typefaces erarbeitet hat. Der experimentelle Schriftentwurf Beta Bauhaus wird in der Ausstellung „Sbstz. Schrift als Kontinuum“ noch bis zum 12. Juni 2026 im Bauhaus Museum Dessau gezeigt.
Camelot Typefaces ist ein unabhängiges Schriftkollektiv, das auch Schriften im Selbstverlag herausgibt. Über ihre Praxis und den Prozess des Projektes, sprachen Gerda Breuer und Oliver Klimpel, Leiter der Kuratorischen Werkstatt der Stiftung Bauhaus Dessau, mit den Gestalter*innen Maurice Göldner, Katharina Köhler und Wolfgang Schwärzler.
Gerda Breuer: Im Kooperationsprojekt mit dem Bauhaus Dessau wird eine erweiterte Gestaltungsidee von Type-Design sichtbar. Das Projekt lotet unter anderem aus, inwiefern Schriftgestaltung ein Erkenntnismittel für kulturpolitische und ideologie-kritische Auseinandersetzungen mit gesellschaftlichen Vorstellungsformen und ideologisch-ästhetischen Diskursen sein kann. Oliver Klimpel, Sie als Leiter der Kuratorischen Werkstatt der Stiftung Bauhaus Dessau, sind Kurator des Schriftprojektes und Co-Kurator der Ausstellung. Was kann man in der Ausstellung sehen?
Oliver Klimpel: Auf zwei großen gestalteten Wandflächen und mehreren Screens werden verschiedene Aspekte der Schrift vorgestellt. Es gibt auch eine Hands-On-Station und eine Audio-Deskription der Ausstellungen für Besucher*innen mit Sehbehinderung. Neben Bodentexten in Einfacher Sprache ist sie auch Teil unserer Inklusionsstrategie bei Ausstellungen. Die Schriftgestaltung von Beta Bauhaus basiert auf der neuen, anspruchsvollen Variable-Font-Technologie, die stufenlose Transformierbarkeit von Schrift ermöglicht und die hier innovativ und überraschend eingesetzt wird. Auch durch formal-historische Referenzen wird in der Ausstellung die inhaltlich-konzeptionelle Anbindung des Entwurfs an liquide und hybride Vorstellungen von Materialität, Substanz, Aggregatzuständen und deren visueller Repräsentationen vermittelt.
Gerda Breuer: Schrift ist bei Weitem nicht allein ein gestalterisches Funktionsmittel. Sie ist ein Ausdruck aktueller – oder historischer – visueller Kultur und natürlich auch ein Spiegel digitaler Technologien. Sie kann sich deshalb auch ganz bewusst zur Geschichte eines Ortes oder einer Institution wie dem Dessauer Bauhaus in Stellung bringen und so eine eigene grafische Erzählung schaffen. Wie wollten Sie als Schriftdesigner*innen und Grafiker*innen in diesem Projekt mit dem Bauhaus umgehen? Was kam Ihnen als Erstes in den Sinn, als Sie an eine neue Schrift fürs Bauhaus gedacht haben?
Camelot Typefaces*: Die Hinwendung zu reduzierten, geometrisch konstruierten Formen, also zu serifenlosen Schriften, ist natürlich untrennbar mit dem Bauhaus verbunden. Konkret fallen einem da sofort das funktionale Grafikdesign der „Neuen Typografie“ von Lázló Moholy-Nagy und die „Universal Type“ von Herbert Bayer ein. Ihre Werke sind tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben.
Aus dem Briefing der Stiftung Bauhaus Dessau fürs gemeinsame Projekt ging auch der Wunsch nach einem Variable Font hervor. Den Bezug zum Bauhaus – und quasi die Argumentation, sich künstlerisch mit der Technologie der Variable Fonts zu beschäftigen – hat Walter Gropius schon 1923 perfekt vorbereitet: Zur Eröffnung der damaligen Bauhaus-Ausstellung formulierte er den berühmten Slogan „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Bauhaus Dessau stellen wir uns entsprechend dem Motto „An die Substanz“ die Frage, wie sich Ideale, Haltungen und ihre visuellen Spuren im Heute fortschreiben lassen und welche das sein könnten. Also: Was wollen wir aufgreifen, was weiterentwickeln, was grafisch umgestalten?
„Für die Stiftung Bauhaus Dessau wollten wir die Idee einer sich potenziell permanent wandelnden Schriftform verfolgen.“
Camelot Typefaces
Der Master Anthro Morph der Schrift Beta Bauhaus mit animierter Virus-Achse, Animation © Camelot Typefaces
Gerda Breuer: Mit der (neuen) Formulierung des grafischen Ausdrucks einer Institution ist ja oft auch eine Veränderung des Selbstverständnisses einer Institution verbunden. Wie sehen Sie die Möglichkeiten von Schrift, eine Kultureinrichtung zu transformieren?
Camelot Typefaces: Heute sind die entscheidenden grafischen Ausdrucksformate weniger Druckmedien, sondern mittlerweile fast ausschließlich digitale Oberflächen, also Screens. Sie ermöglichen Bewegung, Animation und Interaktion als Elemente der Gestaltung.
Der digitale Wandel bringt tiefgreifende Veränderungen und transformiert auch unsere Praxis als visuelle Gestalter*innen. Für die Stiftung Bauhaus Dessau wollten wir daher auch die Idee einer sich potenziell permanent wandelnden Schriftform verfolgen.
Oliver Klimpel: Das historische Bauhaus hatte kurioserweise nie eine einheitliche Identity, obwohl man Grafik und Marketing sehr wohl sehr schlau eingesetzt hat. Was ist ein „Erscheinungsbild“ für Euch?
Camelot Typefaces: Ein Erscheinungsbild sollte auf die Bedürfnisse der jeweiligen Akteur*innen abgestimmt sein. Das impliziert auch, dass Botschaften und Medien auf ihre Adressat*innen ausgerichtet sind. Wenn wir über Kultureinrichtungen und -institutionen sprechen, ist eigentlich klar, dass sie stets im Wandel sind, da sie mit ihren Inhalten und ihrer Praxis Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen – und hopefully auch Transformation – sind. Ein solches Erscheinungsbild ist keine Corporate Identity wie im 20. Jahrhundert, wo sich eine Gruppe von Menschen (das Unternehmen) wie ein Individuum (die Marke) verhält. Erscheinungsbilder von Kultureinrichtungen müssen heute vielfach Ambivalenz und Polyphonie ausdrücken, um verschiedene Perspektiven mitzudenken und Wandel zuzulassen. Selbstverständlich gibt es heute noch das klassische Marken-Branding. Aber auch hier ist es so, dass man mit dem Potenzial der Kommunikation als Prozess arbeitet und von Storytelling spricht, oder im Sinne einer Kultureinrichtung könnte man es als ein „Erscheinungsbild als Erzählung“ beschreiben.
Oliver Klimpel: Das ist ein wichtiger Punkt. Weil ihr damit ja auch durch Schriftgestaltung auf unseren Anspruch reagiert, uns als Stiftung kritisch mit den Gestaltungsentscheidungen und dem Materialeinsatz – inklusive seiner ökologischen Konsequenzen – des historischen Bauhauses auseinanderzusetzen. Das heißt, die Schrift korrespondiert somit auch mit dem Forschungsansatz der Stiftung. Historisch und visuell.
Camelot Typefaces: In diesem Sinne haben wir unsere Ausstellung auch „Sbstz. Schrift als Kontinuum“ benannt. Der Titel greift Ideen von Paul Klee und Tim Ingold auf. Paul Klee schrieb: „Schlecht ist Form als Ruhe, als Ende, schlecht ist erlittene, geleistete Form. Gut ist Formung. Schlecht ist Form; Form ist Ende ist Tod. Formung ist Bewegung ist Tat. Formung ist Leben“. Damit beschreibt er, dass Machen, Prozess und Fortschreiben die eigentliche Substanz von Gestaltung sind. Paul Klee spielt auch für Tim Ingold eine Rolle. Der Sozialanthropologe sieht die Welt nicht als abgeschlossenes System, sondern als offenen Prozess des Werdens. Mensch und Umwelt, Denken und Handeln sind untrennbar miteinander verwoben.
Oliver Klimpel: Diese Ideen spiegeln sich auch in der Namensgebung der einzelnen Schriftschnitte Ultra Thin, Anthro Morph, Meso Bold, Supra Solid wider. Sie sind Verweise auf die Namen von Aggregatzuständen. In der Wissenschaft beschreiben diese extreme Zustände, die außerhalb der klassischen Aggregatzustände wie fest, flüssig und gasförmig liegen. In der Namensgebung von Beta Bauhaus verweist Ihr wiederum auf das Unfertige, die Beta-Fassung von Software. Wie kann man das im Hinblick auf diesen Font verstehen?
Camelot Typefaces: Wenn etwas in der Beta-Phase ist, bedeutet das ja, dass es noch nicht fertig ist und noch verbessert werden kann. Das meint also, dass sich ein Entwurf einreiht in eine sich stetig fortschreibende (programmierte) Erzählung. Er ist nicht die Lösung, sondern ein Moment, der dafür da ist, weiterentwickelt zu werden. In Bezug auf Software verweist das aber auch auf eine kollektive Autor*innenschaft, da in den komplexen Prozessen der Softwareentwicklung meist viele verschiedene Akteur*innen beteiligt sind.
Gerda Breuer: Walter Gropius hat gern betont, dass das Bauhaus kein spezielles Formenvokabular forciert hat, sondern dass die Methode des Experiments entscheidend für diesen Schulansatz war. Wie sehen Sie die Rolle des Experiments in Ihrem Schriftentwurf?
Camelot Typefaces: Zum einen haben wir dieses Projekt genutzt, um die Grenzen der Variable Font-Technologie auszuloten. Wir wussten zunächst nicht, was wir ins Zentrum stellen wollten. Wir haben viele formale Experimente gemacht, um sie auf ihre technische Machbarkeit und visuelle Kraft zu prüfen. Von Anfang an war allerdings klar, dass wir nur eine überschaubare Anzahl von Mastern, die eine Axe definieren, handhaben können. Daher war auch klar, dass wir uns auf eines der Experimente einigen mussten. Letztlich hat die Schrift zwei Achsen: Eine, die das Formenvokabular der Buchstaben an sich thematisiert, und eine formale, experimentelle Achse.
In der ersten Achse gibt es vier verschiedene Alphabete, also Master, mit eigenem visuellem Ausdruck, die sich mit dem historischen Bauhaus auseinandersetzen. Die zweite Achse ist wesentlich experimenteller. Buchstaben werden teilweise unleserlich, wenn sich aus dem Inneren mancher Buchstaben Flächen über die Buchstabenformen hinaus bewegen, fließen, wachsen.
Gerda Breuer: Viel zu oft wurde das Bauhaus auf den Dreiklang
reduziert. Dadurch kann der Eindruck entstehen, dass das Formenvokabular des Bauhauses nur auf diesen Grundformen basiert. Im Bauhaus gab es jedoch eine viel größere Bandbreite an grafischen Ausdrucksformen.
Oliver Klimpel: Das Anliegen von Beta Bauhaus ist es genau deshalb, sich von dieser klischeehaften Welt der Vereinfachung zu lösen und stattdessen eine Welt der Hybride zu schaffen. Es geht darum, die Welt der geometrischen Formen um Aspekte zu erweitern, die wir eher mit anderen ästhetischen Strömungen assoziieren.
Camelot Typefaces: Auch für uns haben diese geometrischen Grundformen eine gewisse Rolle gespielt. Wenn man an ein Erscheinungsbild denkt, geht es auch um Wiedererkennbarkeit. Es war durchaus auch unser Interesse, Buchstabenformen zu gestalten, die eine Assoziation zum Bauhaus zulassen. Und damit etwas zu schaffen, das diskursiv ist aber auch als Repräsentant für die Stiftung „funktioniert“. Daher sind zwei der vier Master stark modular, geometrisch und von Kreisen, Dreiecken und Quadraten durchsetzt. Gleichzeitig hatten wir natürlich Spaß daran, damit zu gestalten und Buchstabenkonstruktionen einen individuellen Charakter zu geben. Hier könnte man also von einem künstlerischen Ausdruck sprechen, der sicherlich auch ein Ausdruck seiner Zeit ist.
In Beta Bauhaus finden sich zum Teil eigenartige, spezielle oder individuelle Vorschläge für k, S, z, M, B. Um die Lesbarkeit zu gewährleisten sind n, m, o, d, p, q, b zwar vereinfacht, aber gerade in der Supra Solid haben wir den traditionellen Anstrich nachempfunden. Proportionen sind widerständig – das o nähert sich dem Quadrat an, jedoch nicht ganz, c ist durch seine große Öffnung ungewöhnlich schmal. Gerade bei den Zahlen konnten wir freier gestalten, da sie sich nicht so sehr in den Lesefluss einfügen müssen.
„In der zweiten Achse wird der Gedanke der Moderne verhandelt. Es sind organische Formen, die sich wie ein Virus ausbreiten, und Buchstaben überlagern, perforieren und fragmentieren.“
Camelot Typefaces
Es gibt vier Master, die auf einer linear verlaufenden Axe sitzen. Wir wollten, dass diese Linearität nicht als zeitliche Entwicklung gelesen wird. Daher sind die beiden eher „geometrischen“ Master – Infra Thin (100) und Supra Solid (900) genannt – am Anfang und Ende dieser Achse, und bilden so einen Rahmen, Stützen … Man könnte auch sagen Ränder. Im Zentrum dieser Achse sind zwei weitere Master eingebunden, und man könnte sie als Gegenbilder zur Erzählung des Bauhauses als funktional und rational bezeichnen. Diese Master – Anthro Morph (400) und Meso Bold (700) – entsprechen dem technisch vorgegebenen Regular und Bold. Darin haben wir uns mit dem Spirituellen, Mystischen und Esoterischen beschäftigt, und mit Werken aus der frühen expressionistischen Bauhaus-Zeit.
In der zweiten Achse wird der Gedanke der Moderne verhandelt. Es sind organische Formen, die sich wie ein Virus ausbreiten, und Buchstaben überlagern, perforieren und fragmentieren. Das ist ein ungewöhnliches und experimentelles Element im Schriftentwurf, das in die Buchstabenformen eingreift! In dieser Überlagerung wird die Trennung von Schrift und Bild sowohl inhaltlich als auch formal infrage gestellt. Diese Achse unterstreicht, dass Schriften nicht nur Texte darstellen, sondern auch Identitätsträger*innen sind und somit Akteur*innen unserer visuellen Kultur.
Interpolation zwischen den Mastern Infra Thin und Anthro Morph der Schrift Beta Bauhaus, Animation © Camelot Typefaces
Sbstz – Schrift als Kontinuum
Camelot Typefaces, Leipzig
In Zusammenarbeit mit der Kuratorischen Werkstatt
Kuratiert von Oliver Klimpel, Leoni Fischer
Stiftung Bauhaus Dessau, Dessau
Noch bis zum 12.07.2026
www.bauhaus-dessau.de/ausstellungen/sbstz/
Quellenangabe
Klees bildnerische Gestaltungslehre, 2. Principielle Ordnung. Vorlesungsmanuskript vom 9.1.1924. Transkribiert und digitalisiert vom Zentrum Paul Klee, Bern. Klee bezieht sich hier auf Schriften Goethes. Siehe dazu Ackermann/Bestgen 2009, S. 277f.
