AUSSTELLUNG
Das Pariser Musée des Arts Décoratifs zeigt eine großangelegte Schau über den einflussreichen Modeschöpfer Paul Poiret. Die deutsche Designerin Anette Lenz, Ehrenmitglied des DDC, begegnet diesem vielseitigen Werk mit einem bemerkenswerten Ausstellungsdesign.
Die neue Mode und die neue Frau
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierte der französische Modedesigner Paul Poiret die Pariser Haute Couture, indem er lose, fließende Silhouetten mit vereinfachten, aber schmeichelhaften Linien erfand, die den Körper der Frau von jeder Einengung, besonders des damals üblichen Korsetts, befreiten. Die Frau fand darin eine nie dagewesene Bewegungsfreiheit, verbunden mit Eleganz und feinsten Materialien.
Heute kaum vorstellbar, bestimmte das Einschnüren der weiblichen Taille bei gleichzeitiger Aufbauschung des „Cul de Paris“ zur S-Linie im jungen 20. Jahrhundert die Mode der westlichen Welt. Von Frauen (und nicht wenigen Männern) der Reformbewegung in England, Deutschland und den USA wurde dieses diskriminierende und ungesunde Modediktat heftig bekämpft, Künstlerinnen und vor allem junge Designerinnen begegneten ihm mit alternativen Entwürfen, veröffentlichten Streitschriften und organisierten Ausstellungen.
Unübertroffen waren aber die Vorschläge des als deutscher Erbfeind diskreditierten Frankreichs, das mit all seinen lebensfrohen Kunst- und Designstilen wie die Belle Époque um die Jahrhundertwende, die Années folles der 1920er Jahre und danach Art Déco lustvolle Alternativen schuf. Von den Deutschen, schon vom Jugendstil an und dann vor allem ab der Ära des Bauhauses, wurden sie erst gar nicht wahrgenommen und das hat sich bis heute nicht groß geändert. Während Poiret für die Fachwelt „le magnifique“ (der Großartige) war und bereits 2007 im Metropolitan Museum of Art in New York eine gefeierte Ausstellung erhielt, wird die Pariser Ausstellung in der deutschen Presse so gut wie übersehen. Allein die Zeitung WELT machte mit dem Titel „Die schönsten Kleider des Jahrhunderts“ und „Man möchte sich am liebsten alle Kleider vom Leib reißen“ auf die Schau aufmerksam, wundert sich allerdings auch über den Hype unter Insider*innen.
Poiret, der von 1879 bis 1944 lebte, war glühender Ästhet dieser Epochen und zugleich mutiger Avantgardist von Reformen. Er brachte es wie kein anderer zu einer „neuen Linie“ für die Kleider des Frauenkörpers. Den Zeitgeist witternd, wurde er damit zum einflussreichsten Modeschöpfer Europas und Pionier einer Entwicklung, die mit Gabriel (Coco) Chanel, seiner späteren Konkurrentin, zwar eine größere Breitenwirkung fand, aber die Entwürfe der wichtigsten Designer*innen der heutigen Modewelt enorm prägte. Dies zeigt die Ausstellung überzeugend an vielen internationalen Beispielen von Ann Demeulemeester, Comme des Garçons, Yssey Miyake, Dries van Noten, Elsa Schiaparelli, Azzedine Alaïa, dessen Stiftung selbst eine Sammlung von Poiret-Kostümen besitzt, und vielen mehr. Christian Dior ließ sich sogar zu dem Ausspruch verleiten: „Mit dem Aufkommen von Paul Poiret änderte sich die Mode vollständig.“
„Paul Poiret brachte es wie kein anderer zu einer ‚neuen Linie‘ für die Kleider des Frauenkörpers.“
Die neue Linie sollte eine klare sein, die Silhouette umspielte den Körper. Bequemlichkeit setzte Maßstäbe, weshalb er auch als einer der ersten den Hosenrock für den Alltag (und nicht nur im Sport) für Frauen propagierte. Und die Vorliebe für leichte, dekorative Stoffe und lebhafte Farben dominierten, weshalb er über drei Jahrzehnte propagierte: „Die Mode ist ein Fest“.
In elf Abteilungen beschäftigt sich die Ausstellung mit der Fülle an Aktionsfeldern des Designers und seiner Ehefrau Denise, die für ihn die Idealfigur der emanzipierten Frau war. Da ist die Ecole Martine, eine Designschule für unterprivilegierte Mädchen, die er gründete; da sind seine Reisen durch Nordafrika, die arabischen Länder, in denen er das kulturell Andere aufgriff; da sind seine Modeschauen durch die USA und sein großartiger Erfolg bei den Amerikaner*innen; da ist seine ausgeprägte Beziehung zur avantgardistischen Kunst, vor allem zu den Fauves, den sogenannten „Wilden“, die der Farbe explosionsartige Wirkung verschafften. Kreationen in leuchtenden Farben sind deshalb auch charakteristisch für seine Entwürfe. Er selbst besaß eine Sammlung von Werken von Raoul Dufy (der für ihn auch Tapeten entwarf), André Derain, Kees van Dongen, auch von Picasso und Matisse ist die Rede. Er malte selbst und wurde von berühmten Künstlern porträtiert. Mehrmals trat er im Theater auf und orientierte seine Mode an Bühnenkostümen, wie denen des Ballet Russe. Der wohlbeleibte Bonvivant gab sogar ein Kochbuch heraus und kreierte Parfums. Legendär für seine unerschöpfliche Fantasie sind seine Feste „de Bacchus“: Sie waren die Bühne für den modernen Tanz von Isidora Duncan. Auch Josephine Baker zählte zu seinem Freundeskreis.
1923 ließ sich Poiret eine Villa in der Nähe von Paris von dem aufstrebenden Stern am Himmel der französischen Architekturavantgarde bauen, dem jungen Robert Mallet-Stevens. Sie pointiert die Essenz seiner Mode: Klare Linien, geometrische Volumen, großzügigen Elemente, hier die Dachterrasse und riesige Erkerfenster – auch sie schaffen eine markante Silhouette, die auf den Höhen des Ortes Mézy-sur-Seine wie ein gestrandeter Ozeandampfer wirkt. Allerdings überlebte sein Büro seine aufwändigen Inszenierungen nicht; der Börsenkrach von 1929 und seine weltweiten Auswirkungen kamen hinzu. Seine Designagentur musste 1932 schließen und als er 1944 starb, war er in Frankreich nahezu in Vergessenheit geraten.
Wie nun eine Ausstellung gestalten, die die Vielseitigkeit des Designs und der künstlerischen Sparten, als auch die Atmosphäre der Zeit, den Charakter der Emanzipation, aber auch des Luxus, der Reform und Avantgarde und vor allem den des Lustvollen „la fête“ aufgreift? Aufgefordert wurde die deutsche, in Paris lebende Grafikdesignerin Anette Lenz, Art Direction und Grafikdesign der Ausstellung zu übernehmen. Sie hatte bereits in ihrer ersten Einzelausstellung im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt 2020/21 vor Augen geführt, dass ihre Designsprache farbig und raumgreifend ist.
Ausstellungsinszenierung von Anette Lenz
Auch in Paris verwandelt Anette Lenz die Museumsräume in begehbare grafische Welten. Sie spielt mit einer immer wieder anders inszenierten Wechselbeziehung von Informationen über Werk und Leben des Designers und Bildlichkeit und trifft dabei das Wesentliche: jene experimentelle Verschränkung der Sparten von Typografie, Farbe, Fotografie und Film, die Poiret seiner Zeit entsprechend in Festen auf den Punkt brachte. Und die Farbe natürlich. Sie ist dominierend durch rote, grüne Wände und andersfarbige Streifen. Beispielsweise entfaltet sich eine eigens für diesen Anlass geschaffene Schrift, die aus sich überlappenden Kreisen besteht, zu bewegten Rosenblättern (die Rose, eine Signatur von Paul Poiret), die vom Bildschirm in den Museumsraum hinein schweben. Das Punkt-Streifen-Motiv, das von Paul Poirets persönlichen Markierungen angeregt sein soll, ist Bestandteil der Typographie, die von Sandra Carrera entwickelt wurde. Es findet sich überall wieder: im Ausstellungstitel wie in den farbigen Streifen der Großvitrinen und den Durchgängen zu den einzelnen Abteilungen.
„Anette Lenz spielt mit einer immer wieder anders inszenierten Wechselbeziehung von Informationen über Werk und Leben des Designers und Bildlichkeit.“
Das Ephemere und Experimentelle wiederum zeigt sich in poetischen Projektionen weißer Kleider auf eine rohe Betonwand – der Baustellencharakter der Museumsräume, der die unbehandelten Wände und auch die technischen Versorgungselemente unverblendet zur Schau stellt – kann durchaus als Metapher gewertet werden: Poiret geht auf Null zurück, seine Mode ist ein Bruch mit der Konvention und radikaler Neuanfang. Die sich abwechselnden und überlappenden weißen Zeichnungen von Kleidern gehen auf die Werbung der deutschen Fotografin Germaine Krull für Poiret zurück, die mit Überblendungen, Solarisationen von fotografischen Negativen, Mehrfachbelichtungen des als abbildend geltenden Mediums auf das Neue Sehen in der Fotografie aufmerksam macht. Fotografie wird hier zu einer Art „Kippbild“ zwischen objektiver Wiedergabe der sichtbaren Welt und einem imaginär subjektiven Spiel. Mit vielen solcher inszenatorischen Raffinessen wird der dichte dokumentarische Charakter der Ausstellung erweitert und ist in seiner Fülle – immerhin mit 500 Exponaten – geradezu verzaubernd.
Paul Poiret, la mode est une fête
Musée des Arts Décoratifs, Paris
Noch bis 11. Januar 2026
Ausstellungs- und Kataloggestaltung von Anette Lenz
www.madparis.fr