Bild © Les Arts Décoratifs

AUSSTELLUNG

Das Pa­ri­ser Mu­sée des Arts Dé­co­ra­tifs zeigt ei­ne gro­ßan­ge­leg­te Schau über den ein­fluss­rei­chen Mo­de­schöp­fer Paul Poiret. Die deut­sche De­si­gne­rin Anet­te Lenz, Eh­ren­mit­glied des DDC, be­geg­net die­sem viel­sei­ti­gen Werk mit ei­nem be­mer­kens­wer­ten Aus­stel­lungs­de­sign.

Veröffentlicht am 01.10.2025

Die neue Mode und die neue Frau

Zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts re­vo­lu­tio­nier­te der fran­zö­si­sche Mo­de­de­si­gner Paul Poiret die Pa­ri­ser Hau­te Cou­ture, in­dem er lo­se, flie­ßen­de Sil­hou­et­ten mit ver­ein­fach­ten, aber schmei­chel­haf­ten Li­ni­en er­fand, die den Kör­per der Frau von je­der Ein­engung, be­son­ders des da­mals üb­li­chen Kor­setts, be­frei­ten. Die Frau fand dar­in ei­ne nie da­ge­we­se­ne Be­we­gungs­frei­heit, ver­bun­den mit Ele­ganz und feins­ten Ma­te­ria­li­en.

Paul Poiret befreite durch seine Mode den Körper der Frau von jeder Einengung, die bis dahin üblich war. Letztes Bild: Issey Miyake in der Nachfolge von Poiret. Bilder © Musée des Arts Décoratifs

Heu­te kaum vor­stell­bar, be­stimm­te das Ein­schnü­ren der weib­li­chen Tail­le bei gleich­zei­ti­ger Auf­bau­schung des „Cul de Pa­ris“ zur S-Li­nie im jun­gen 20. Jahr­hun­dert die Mo­de der west­li­chen Welt. Von Frau­en (und nicht we­ni­gen Män­nern) der Re­form­be­we­gung in Eng­land, Deutsch­land und den USA wur­de die­ses dis­kri­mi­nie­ren­de und un­ge­sun­de Mo­de­dik­tat hef­tig be­kämpft, Künst­le­rin­nen und vor al­lem jun­ge De­si­gne­rin­nen be­geg­ne­ten ihm mit al­ter­na­ti­ven Ent­wür­fen, ver­öf­fent­lich­ten Streit­schrif­ten und or­ga­ni­sier­ten Aus­stel­lun­gen.

Die deutsche, in Paris lebende Grafikdesignerin Anette Lenz, DDC Ehrenmitglied, hat die Art Direction der Ausstellung übernommen. Bild © Musée des Arts Décoratifs, Christophe Delliere

Un­über­trof­fen wa­ren aber die Vor­schlä­ge des als deut­scher Erb­feind dis­kre­di­tier­ten Frank­reichs, das mit all sei­nen le­bens­fro­hen Kunst- und De­sign­sti­len wie die Bel­le Épo­que um die Jahr­hun­dert­wen­de, die An­nées fol­les der 1920er Jah­re und da­nach Art Dé­co lust­vol­le Al­ter­na­ti­ven schuf. Von den Deut­schen, schon vom Ju­gend­stil an und dann vor al­lem ab der Ära des Bau­hau­ses, wur­den sie erst gar nicht wahr­ge­nom­men und das hat sich bis heu­te nicht groß ge­än­dert. Wäh­rend Poiret für die Fach­welt „le ma­gni­fi­que“ (der Gro­ßar­ti­ge) war und be­reits 2007 im Me­tro­po­li­tan Mu­se­um of Art in New York ei­ne ge­fei­er­te Aus­stel­lung er­hielt, wird die Pa­ri­ser Aus­stel­lung in der deut­schen Pres­se so gut wie über­se­hen. Al­lein die Zei­tung WELT mach­te mit dem Ti­tel „Die schöns­ten Klei­der des Jahr­hun­derts“ und „Man möch­te sich am liebs­ten al­le Klei­der vom Leib rei­ßen“ auf die Schau auf­merk­sam, wun­dert sich al­ler­dings auch über den Hype un­ter In­si­der*in­nen.

Plakat und Katalogtitel von Anette Lenz. Bild © Musée des Arts Décoratifs, Anette Lenz

Poiret, der von 1879 bis 1944 leb­te, war glü­hen­der Äs­thet die­ser Epo­chen und zu­gleich mu­ti­ger Avant­gar­dist von Re­for­men. Er brach­te es wie kein an­de­rer zu ei­ner „neu­en Li­nie“ für die Klei­der des Frau­en­kör­pers. Den Zeit­geist wit­ternd, wur­de er da­mit zum ein­fluss­reichs­ten Mo­de­schöp­fer Eu­ro­pas und Pio­nier ei­ner Ent­wick­lung, die mit Ga­bri­el (Co­co) Cha­nel, sei­ner spä­te­ren Kon­kur­ren­tin, zwar ei­ne grö­ße­re Brei­ten­wir­kung fand, aber die Ent­wür­fe der wich­tigs­ten De­si­gner*in­nen der heu­ti­gen Mo­de­welt enorm präg­te. Dies zeigt die Aus­stel­lung über­zeu­gend an vie­len in­ter­na­tio­na­len Bei­spie­len von Ann De­meu­le­mees­ter, Com­me des Garçons, Ys­sey Miya­ke, Dries van No­ten, El­sa Schia­pa­rel­li, Az­ze­di­ne Alaïa, des­sen Stif­tung selbst ei­ne Samm­lung von Poiret-Kos­tü­men be­sitzt, und vie­len mehr. Chris­ti­an Di­or ließ sich so­gar zu dem Aus­spruch ver­lei­ten: „Mit dem Auf­kom­men von Paul Poiret än­der­te sich die Mo­de voll­stän­dig.“


„Paul Poiret brachte es wie kein anderer zu einer ‚neuen Linie‘ für die Kleider des Frauenkörpers.“


Die neue Li­nie soll­te ei­ne kla­re sein, die Sil­hou­et­te um­spiel­te den Kör­per. Be­quem­lich­keit setz­te Maß­stä­be, wes­halb er auch als ei­ner der ers­ten den Ho­sen­rock für den All­tag (und nicht nur im Sport) für Frau­en pro­pa­gier­te. Und die Vor­lie­be für leich­te, de­ko­ra­ti­ve Stof­fe und leb­haf­te Far­ben do­mi­nier­ten, wes­halb er über drei Jahr­zehn­te pro­pa­gier­te: „Die Mo­de ist ein Fes­t“.

Von Poiret inspiriert wurde die „Robe Tarta“ von der spanischen Modedesignerin Ágatha Ruiz de la Prada 2005 (links) und der „Monteau ‚Poiret‘“ von Adeline André, ebenfalls 2005. Bilder © Musée des Arts Décoratifs, Christophe Delliere

In elf Ab­tei­lun­gen be­schäf­tigt sich die Aus­stel­lung mit der Fül­le an Ak­ti­ons­fel­dern des De­si­gners und sei­ner Ehe­frau De­ni­se, die für ihn die Ide­al­fi­gur der eman­zi­pier­ten Frau war. Da ist die Eco­le Mar­ti­ne, ei­ne De­sign­schu­le für un­ter­pri­vi­le­gier­te Mäd­chen, die er grün­de­te; da sind sei­ne Rei­sen durch Nord­afri­ka, die ara­bi­schen Län­der, in de­nen er das kul­tu­rell An­de­re auf­griff; da sind sei­ne Mo­de­schau­en durch die USA und sein gro­ßar­ti­ger Er­folg bei den Ame­ri­ka­ner*in­nen; da ist sei­ne aus­ge­präg­te Be­zie­hung zur avant­gar­dis­ti­schen Kunst, vor al­lem zu den Fau­ves, den so­ge­nann­ten „Wil­den“, die der Far­be ex­plo­si­ons­ar­ti­ge Wir­kung ver­schaff­ten. Krea­tio­nen in leuch­ten­den Far­ben sind des­halb auch cha­rak­te­ris­tisch für sei­ne Ent­wür­fe. Er selbst be­saß ei­ne Samm­lung von Wer­ken von Raoul Dufy (der für ihn auch Ta­pe­ten ent­warf), An­dré De­rain, Kees van Don­gen, auch von Pi­cas­so und Ma­tis­se ist die Re­de. Er mal­te selbst und wur­de von be­rühm­ten Künst­lern por­trä­tiert. Mehr­mals trat er im Thea­ter auf und ori­en­tier­te sei­ne Mo­de an Büh­nen­kos­tü­men, wie de­nen des Bal­let Rus­se. Der wohl­be­leib­te Bon­vi­vant gab so­gar ein Koch­buch her­aus und kre­ierte Par­fums. Le­gen­där für sei­ne un­er­schöpf­li­che Fan­ta­sie sind sei­ne Fes­te „de Bac­chus“: Sie wa­ren die Büh­ne für den mo­der­nen Tanz von Isi­do­ra Dun­can. Auch Jo­se­phi­ne Baker zähl­te zu sei­nem Freun­des­kreis.

Paul Poiret und sein Double als Maske, Der Bart aus Nägeln, von Victor Goursat, 1931. Bild © Musée des Arts Décoratifs

1923 ließ sich Poiret ei­ne Vil­la in der Nä­he von Pa­ris von dem auf­stre­ben­den Stern am Him­mel der fran­zö­si­schen Ar­chi­tek­tu­ra­vant­gar­de bau­en, dem jun­gen Ro­bert Mal­let-Ste­vens. Sie poin­tiert die Es­senz sei­ner Mo­de: Kla­re Li­ni­en, geo­me­tri­sche Vo­lu­men, gro­ßzü­gi­gen Ele­men­te, hier die Dach­ter­ras­se und rie­si­ge Er­ker­fens­ter – auch sie schaf­fen ei­ne mar­kan­te Sil­hou­et­te, die auf den Hö­hen des Or­tes Mé­zy-sur-Sei­ne wie ein ge­stran­de­ter Oze­an­damp­fer wirkt. Al­ler­dings über­leb­te sein Bü­ro sei­ne auf­wän­di­gen In­sze­nie­run­gen nicht; der Bör­sen­krach von 1929 und sei­ne welt­wei­ten Aus­wir­kun­gen ka­men hin­zu. Sei­ne De­si­gnagen­tur muss­te 1932 schlie­ßen und als er 1944 starb, war er in Frank­reich na­he­zu in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten.

Seine Villa ließ sich Paul Poiret von dem damals aufstrebenden Architekten Robert-Mallet-Stevens entwerfen. Bild © Philippe de Chabot via Wikipedia Commons

Wie nun ei­ne Aus­stel­lung ge­stal­ten, die die Viel­sei­tig­keit des De­signs und der künst­le­ri­schen Spar­ten, als auch die At­mo­sphä­re der Zeit, den Cha­rak­ter der Eman­zi­pa­ti­on, aber auch des Lu­xus, der Re­form und Avant­gar­de und vor al­lem den des Lust­vol­len „la fê­te“ auf­greift? Auf­ge­for­dert wur­de die deut­sche, in Pa­ris le­ben­de Gra­fik­de­si­gne­rin Anet­te Lenz, Art Di­rec­tion und Gra­fik­de­sign der Aus­stel­lung zu über­neh­men. Sie hat­te be­reits in ih­rer ers­ten Ein­zel­aus­stel­lung im Mu­se­um An­ge­wand­te Kunst in Frank­furt 2020/21 vor Au­gen ge­führt, dass ih­re De­sign­spra­che far­big und raum­grei­fend ist.

Ausstellungsinszenierung von Anette Lenz

Auch in Pa­ris ver­wan­delt Anet­te Lenz die Mu­se­ums­räu­me in be­geh­ba­re gra­fi­sche Wel­ten. Sie spielt mit ei­ner im­mer wie­der an­ders in­sze­nier­ten Wech­sel­be­zie­hung von In­for­ma­tio­nen über Werk und Le­ben des De­si­gners und Bild­lich­keit und trifft da­bei das We­sent­li­che: je­ne ex­pe­ri­men­tel­le Ver­schrän­kung der Spar­ten von Ty­po­gra­fie, Far­be, Fo­to­gra­fie und Film, die Poiret sei­ner Zeit ent­spre­chend in Fes­ten auf den Punkt brach­te. Und die Far­be na­tür­lich. Sie ist do­mi­nie­rend durch ro­te, grü­ne Wän­de und an­ders­far­bi­ge Strei­fen. Bei­spiels­wei­se ent­fal­tet sich ei­ne ei­gens für die­sen An­lass ge­schaf­fe­ne Schrift, die aus sich über­lap­pen­den Krei­sen be­steht, zu be­weg­ten Ro­sen­blät­tern (die Ro­se, ei­ne Si­gna­tur von Paul Poiret), die vom Bild­schirm in den Mu­se­ums­raum hin­ein schwe­ben. Das Punkt-Strei­fen-Mo­tiv, das von Paul Poirets per­sön­li­chen Mar­kie­run­gen an­ge­regt sein soll, ist Be­stand­teil der Ty­po­gra­phie, die von San­dra Car­re­ra ent­wi­ckelt wur­de. Es fin­det sich über­all wie­der: im Aus­stel­lungs­ti­tel wie in den far­bi­gen Strei­fen der Gro­ßvi­tri­nen und den Durch­gän­gen zu den ein­zel­nen Ab­tei­lun­gen.


„Anet­te Lenz spielt mit ei­ner im­mer wie­der an­ders in­sze­nier­ten Wech­sel­be­zie­hung von In­for­ma­tio­nen über Werk und Le­ben des De­si­gners und Bild­lich­keit.“

Das Punkt-Streifen-Motiv, das von Paul Poirets persönlichen Markierungen angeregt sein soll, ist Bestandteil der Ausstellungsinszenierung. Bild © Musée des Arts Décoratifs, Christophe Delliere

Das Ephe­me­re und Ex­pe­ri­men­tel­le wie­der­um zeigt sich in poe­ti­schen Pro­jek­tio­nen wei­ßer Klei­der auf ei­ne ro­he Be­ton­wand – der Bau­stel­len­cha­rak­ter der Mu­se­ums­räu­me, der die un­be­han­del­ten Wän­de und auch die tech­ni­schen Ver­sor­gungs­ele­men­te un­ver­blen­det zur Schau stellt – kann durch­aus als Me­ta­pher ge­wer­tet wer­den: Poiret geht auf Null zu­rück, sei­ne Mo­de ist ein Bruch mit der Kon­ven­ti­on und ra­di­ka­ler Neu­an­fang. Die sich ab­wech­seln­den und über­lap­pen­den wei­ßen Zeich­nun­gen von Klei­dern ge­hen auf die Wer­bung der deut­schen Fo­to­gra­fin Ger­mai­ne Krull für Poiret zu­rück, die mit Über­blen­dun­gen, So­la­ri­sa­tio­nen von fo­to­gra­fi­schen Ne­ga­ti­ven, Mehr­fach­be­lich­tun­gen des als ab­bil­dend gel­ten­den Me­di­ums auf das Neue Se­hen in der Fo­to­gra­fie auf­merk­sam macht. Fo­to­gra­fie wird hier zu ei­ner Art „Kipp­bil­d“ zwi­schen ob­jek­ti­ver Wie­der­ga­be der sicht­ba­ren Welt und ei­nem ima­gi­när sub­jek­ti­ven Spiel. Mit vie­len sol­cher in­sze­na­to­ri­schen Raf­fi­nes­sen wird der dich­te do­ku­men­ta­ri­sche Cha­rak­ter der Aus­stel­lung er­wei­tert und ist in sei­ner Fül­le – im­mer­hin mit 500 Ex­po­na­ten – ge­ra­de­zu ver­zau­bernd.

 

Paul Poiret, la mode est une fête
Musée des Arts Décoratifs, Paris
Noch bis 11. Januar 2026
Ausstellungs- und Kataloggestaltung von Anette Lenz
www.madparis.fr