ROOM4-Ausstellungsansicht, Bild © Thekla Ehling

INTERVIEW

Was passiert, wenn Designlehre nicht nur Ergebnisse produziert, sondern Räume öffnet? ROOM4 entstand an der Münster School of Design als intersektionale Plattform für FLINTA*-Kreative. Judith Augustin (DDC) spricht mit Prof. Thekla Ehling und Linda Rammes (DDC) über Sichtbarkeit, kollaboratives Arbeiten, geschützte Räume und darüber, warum gute Lehre manchmal weniger Antworten braucht als die richtigen Bedingungen.

Veröffentlicht am 01.09.2026

Judith Augustin: Bevor wir über Sichtbarkeit, Kollaboration und Gender sprechen: Was genau ist ROOM4?

Linda Rammes: ROOM4 ist eine intersektionale Plattform von 20 Studierenden der Münster School of Design. Ihr Ziel: Raum einnehmen und Raum schaffen für FLINTA*-Kreative. Thematisiert werden strukturelle Ungleichheiten, Repräsentation, Selbstzweifel und Arbeitsrealitäten. Gleichzeitig schafft Room4 Sichtbarkeit für Arbeiten von FLINTA* und Austausch – auf Instagram und in einer Ausstellung im Bennohaus in Münster.

Judith Augustin: Thekla, am Anfang stand deine Idee, Frauen bei Selbstpositionierung und Verhandlungsführung zu stärken. Woher kam sie?

Thekla Ehling: Mir ist in meiner langen Selbstständigkeit als freie Fotografin immer wieder aufgefallen, dass gerade Frauen Schwierigkeiten haben, gut zu verhandeln, sich ihres Wertes bewusst zu sein und sich gegenüber Agenturen oder Auftraggeber*innen zu positionieren. Es war mir ein Anliegen, sie darin zu stärken, für sich einzutreten. Über die Gleichstellungsstelle der FH Münster konnten wir dafür eine Förderung bekommen. Daraus entstand zunächst die Idee eines Workshops.

Das Gestaltungssystem übersetzt die Idee des Raumgebens und Raumeinnehmens © Judith Bingel, Nele Krüger, Natalia Simeonova und Pia Hundeloh. Bilder von ©Esther Wieder, Helen Bur, Lilly Shaya, Lilli Lammert, Zoe Sikora, Frieda Melis, Johanna Hövelmann, Liz Kamphuis, Helen Bürger, Anneke Nelissen, Jorid Disteldorf, Laura Walter, Marleen Börger, Hana Huskic und Frida Bierer

Linda Rammes: Uns war schnell klar: Wenn wir Frauen fördern, müssen wir nicht nur Kompetenzen vermitteln, sondern auch die Diskriminierungen beleuchten, die sie erleben. Und diese müssen wir im größeren System verstehen. Deshalb haben wir im Kurs eine intersektionale Perspektive eingenommen, um Diskriminierungsstrukturen in den Blick zu nehmen, die miteinander verwoben sein können – von sexistischen, rassistischen, ableistischen bis hin zu klassistischen. Und dabei war uns Solidarität wichtig: nicht nur für die eigene Gleichberechtigung einzutreten, sondern auch für die anderer und sich gemeinsam für strukturelle Veränderungen einzusetzen. Daher haben wir den Kurs nicht auf Frauen ausgerichtet, sondern auf FLINTA*.

Judith Augustin: Wie übersetzt man einen solchen politischen Gedanken in Gestaltung?

Linda Rammes: Das Gestaltungsteam hat den Freiraum als zentrales Prinzip entwickelt. Das Logo wird gedoppelt und am oberen und unteren Rand des Bildformats positioniert. Damit wird ein visueller Raum aufgespannt, der als Freiraum immer wieder neu besetzt werden kann. Raumgeben und Raumeinnehmen wird so gestalterisch vermittelt.

Judith Augustin: Wie viel Rahmen braucht so ein Projekt? Wann muss man als Lehrende zurücktreten?

Thekla Ehling: Ich finde, dass man von Anfang an den Raum immer öffnen sollte. Wenn die Studierenden genug Freiraum haben, mit uns zusammen entwickeln, selber auf ihre Ideen kommen und das umsetzen können, was sie beschäftigt, dann passiert einfach so viel mehr. Exploration ist für mich in der Lehre ganz wichtig, gemeinsam zu schauen: Was ist als Gruppe möglich? Was können wir zusammen machen? Wofür stehen wir eigentlich?

Kimberly Maddox: DJ, Digital Artist und Grafikdesignerin in „Candy Crush“. Bild © Hana Huskic und Frida Bierer

Judith Augustin: Wie sah das bei den einzelnen studentischen Projekten aus?

Thekla Ehling: Hana Huskic und Frida Bierer haben mit „Candy Crush“ die unsichtbaren, patriarchalen Strukturen der Musikindustrie untersucht und FLINTA*-Musikerinnen porträtiert. Sie sind nach Berlin gefahren, haben Sets aufgebaut, fotografiert, gefilmt und Interviews geführt. Beide sind sehr über sich hinausgewachsen und haben realisiert, wie viel Kraft in ihnen steckt. Und daraus entstand sogar ein Auftrag: Kimberly Madox hat die Arbeit so gut gefallen, dass sie Hana für einen Job fürs Missy Magazine gebucht hat.

Judith Augustin: Da wird aus Sichtbarkeit tatsächlich berufliche Realität. Linda, welches Projekt fällt dir spontan ein?

Linda Rammes: Johanna Hövelmann hat sich kritisch mit dem Male Gaze beschäftigt – dem männlich konnotierten Blick auf weibliche Körper. In Interviews mit Fotografinnen und Regisseur*innen zeigt sie auf, wie jede Bildarbeit, die von dieser cis-männlichen Perspektive abweicht, dabei hilft, patriarchal geprägte Sehgewohnheiten zu verlernen. Visuell und inhaltlich war das extrem stark.

Lisa Strautmann ist Fotografin. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit der Emanzipation von einer Sozialisierung auseinander, die unter anderem vom Male Gaze geprägt ist. Bild © Johanna Hövelmann

Thekla Ehling: Auch sie hatte vorher Hemmungen, Leute anzusprechen: „Ich kann die doch nicht anrufen.“ Wir haben gesagt: Doch, kannst du. Sie hat sehr gute Erfahrungen gemacht, ihre Scheu abgebaut und den interviewten Personen mit ihrer Arbeit wiederum selbst eine Plattform gegeben.

Linda Rammes: Im Kurs haben wir auch das eigene FLINTA*-Sein reflektiert und kritisch hinterfragt, inwiefern Zurückhaltung und Unsicherheit sozialisiert werden. Viele erleben einen starken Perfektionismus oder Angst, zu viel zu sein oder nicht zu genügen. Sich bewusst zu machen, wie stark solche Unsicherheiten gesellschaftlich geprägt sind, hat geholfen, zu sagen: Ich traue mich jetzt und lege trotz der Unsicherheiten los.

Judith Augustin: Oder mit den Unsicherheiten. Sichtbarkeit sollte ja nicht zu einer weiteren To-do-Liste der Selbstoptimierung werden.

Linda Rammes: Genau. Eine Frage war auch: Wie laut muss ich sein, um sichtbar zu werden? Was ist meine Form, um in die Öffentlichkeit zu treten? Wir haben gesagt: Findet eure eigene Form.

Judith Augustin: Thekla, ist dieses Sichtbarmachen für dich genauso wichtig wie das Gestalten selbst?

Thekla Ehling: Ja, sehr. Es geht darum, die Arbeiten gut aufzubereiten. Ich nenne das immer „Verlagsvorschau”: Schreibt einen kurzen Text, filmt es ab oder beschreibt euer Projekt. Wenn ihr das habt, könnt ihr viel schneller an Wettbewerben teilnehmen oder es irgendwo zeigen. Wenn Studierende ihre fertigen Arbeiten im öffentlichen Raum an der Wand sehen und Publikum da ist, entsteht ein echter Resonanzraum.

Judith Augustin: Room4 ist selbst kollaborativ entstanden, mit euch beiden, als Kooperation zwischen Kommunikationsdesign und Fotografie. Gab es einen Moment, in dem das Projekt in eine Richtung gebracht wurde, auf die eine von euch alleine vermutlich gar nicht gekommen wäre?

Am 17. und 18. April 2026 wurden die im Rahmen von ROOM4 entstandenen Arbeiten in einer gemeinsamen Ausstellung im Yolk im Bennohaus in Münster präsentiert. Bild © Thekla Ehling

Thekla Ehling: An so vielen Stellen. Jedes Mal, wenn Linda mit ihren sehr gut organisierten Figma-Boards ankam, sowie ihrer klaren Haltung und Wissen zum Feminismus hat mich das sehr beeindruckt und ich konnte viel davon lernen. Wir arbeiten einfach sehr unterschiedlich. Dieser Einblick war so wertvoll für mich und ich denke auch für die Studierenden. Natürlich spielt auch Humor eine wichtige Rolle. Er hilft oft dabei, Dinge auf eine besondere Weise zu begreifen und sie zu abstrahieren. Durch unseren Altersunterschied von etwa 20 Jahren konnten wir auch mit Klischees brechen, etwa dass Frauen nicht zusammenarbeiten können und schon gar nicht, wenn sie unterschiedlich alt sind.

Linda Rammes: Mich hat inspiriert, wie offen Thekla mit den Studierenden umgeht und wie selbstverständlich sie ihre Berufs- und – vor allem – Lebenserfahrung als Ressource in die Lehre einbringt. Als Studentin hatte ich oft distanziertere Formen des Lehrens erlebt. Theklas Offenheit hat mir gezeigt, dass Lehre nicht bedeuten muss, auf alles eine Antwort zu haben. Vielmehr geht es darum, einen Reflexionsraum zu schaffen, in dem gemeinsam geforscht, gelernt und hinterfragt wird – auch das, was wir als Lehrende vermitteln.

Judith Augustin: Fast 78 Prozent der Studierenden an der Münster School of Design sind weiblich, bei den regulären Professuren sind es nur 35 Prozent. Was passiert auf dem Weg von der Studentin zur Professorin? Muss Hochschule neben Gestaltung auch Selbstpositionierung, Verhandlung und Öffentlichkeit vermitteln?

Thekla Ehling: Unbedingt. Wenn wir das nicht stärken, machen wir an den Hochschulen etwas grundlegend falsch. Wir müssen bereits in den Hochschulen Kompetenzen vermitteln, die FLINTA* zu mehr Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein verhelfen – damit sie sich auch später auf höhere Positionen bewerben. Denn genau das passiert leider noch immer zu selten.

Linda Rammes: Und dazu müssen wir die diskriminierenden Denkmuster hinterfragen, auf die FLINTA* treffen. Wir alle sind mit Vorstellungen davon aufgewachsen, wem wir Kompetenz zutrauen. So trauen wir einem weißen Mann eine Führungsposition oft eher zu als etwa einer weißen Frau oder einer schwarzen Person. Auch, weil wir in diesen Positionen immer wieder dieselben Menschen sehen. Gerade deshalb braucht es diverseres Personal an Hochschulen. Studierende brauchen vielfältige Vorbilder, die ihnen zeigen: Diese Positionen sind auch für mich möglich. Und unterschiedliche Perspektiven sind so wichtig: Sie helfen den eigenen Blick zu erweitern und ein diskriminierungssensibles Miteinander zu schaffen.

Von Berufungskommissionen wünsche ich mir daher mehr Entschlossenheit für diverses Personal – und transparente Kriterien. Es muss nachvollziehbar sein, woran Kompetenz gemessen wird, damit unbewusste Vorurteile weniger Gewicht bekommen. Zudem braucht es eine verbindliche Selbstverpflichtung zur Diversität. Das kann auch bedeuten, ein Verfahren im Zweifel neu zu öffnen, wenn keine ausreichend diverse Auswahl zustande kommt.

Zum ROOM4-Kollektiv gehören Esther Wieder, Helen Bur, Lilly Shaya, Lilli Lammert, Zoe Sikora, Frieda Melis, Johanna Hövelmann, Liz Kamphuis, Helen Bürger, Anneke Nelissen, Jorid Disteldorf, Laura Walter, Marleen Börger, Hana Huskic und Frida Bierer. Bild © Johanna Hövelmann und Lilly Shaya

Judith Augustin: Der Kurs war auch für männliche Studierende geöffnet, eingeschrieben hat sich keiner. Wie bringt man gemischte Gruppen und geschützte Räume zusammen?

Thekla Ehling: Diese Themen müssen früher greifen, schon ab der Grundlehre. Viele männliche Studierende haben plötzlich einen Aha-Effekt und sagen: „Darüber habe ich bis jetzt gar nicht nachgedacht.“ Da tut sich etwas. Aber natürlich stecken wir weiterhin tief in diesen Strukturen.

Judith Augustin: Was ist von diesem Semester geblieben? Und wie geht es weiter?

Linda Rammes: Die Erkenntnis: Gleichberechtigung und Diversität braucht einen Prozess des Lernens; das Verlernen diskriminierender Denkmuster und das Erlernen einer reflektierten Sensibilität im Umgang miteinander. Dieser Prozess wird niemals abgeschlossen sein. Wir müssen unsere eigene Position hinterfragen, Fehler anerkennen, zuhören und uns ehrlich entschuldigen können. Und dafür brauchen wir eine fehlerfreundliche Kultur. Diese in der Lehre anzustoßen, ist für uns beide wichtig geworden. 

Thekla Ehling: Und ich sehe bei den Studierenden einen Schub nach vorne, in ihrem Selbstbewusstsein und in der Art, sich kreativ auszuleben.

Linda Rammes: Genau, dieses Wissen, was es bedeutet, sich zu organisieren, etwas auf die Beine zu stellen, Netzwerke zu bilden und zu veröffentlichen, das ist jetzt verankert. Und das tragen sie weiter.

Vertretungsprofessorin Linda Rammes und Professorin Thekla Ehling haben die Entwicklung der Plattform begleitet und das ROOM4-Kollektiv beraten. Bild © Johanna Hövelmann

Prof. Thekla Ehling 

studierte Fotografie in Dortmund und Limerick. Sie publiziert Fotobücher und Kinderbücher und arbeitet international für Magazine und Agenturen. Ihre Arbeit wird von der Agentur Ostkreuz vertreten. Sie ist Mitbegründerin des PhotoBookMuseums in Köln und des NEXT! Festivals. Seit 2023 ist sie Professorin für Fotografie an der Münster School of Design.

 

Linda Rammes 

ist Designforscherin, Dozentin und freie Art Direktorin mit Fokus auf Editorial und Brand Design. Sie studierte Produkt- und Kommunikationsdesign in Münster, Hamburg und Kopenhagen. Seit 2021 lehrt sie an der Deutschen Journalistenschule und war von 2024 bis 26 Vertretungsprofessorin für Kommunikationsdesign an der Münster School of Design.