DESIGN DISKURS

Auf unsere Anfrage hin, einen Beitrag zu unserem Design Diskurs zu schreiben, haben Nina Sieverding und Anton Rahlwes in einem Chat geantwortet. Darin gibt die neue Doppelspitze der form-Redaktion Auskunft darüber, wie sie gutes Design definiert, welche gesellschaftliche Relevanz unsere Disziplin hat und wie Design aus dem Monopoly-Dilemma kommen kann.

Anton Rahlwes: Hey Nina, ich habe mich letztens gefragt, was für dich gutes Design ist?

Nina Sieverding: Ist es nicht lustig, dass wir uns als Designer*innen diese Frage immer wieder neu stellen? Keine andere Disziplin – außer der Kunst vielleicht – beschäftigt sich so oft mit ihrer eigenen Definition, oder? Das ist ja auch der Grund, warum wir diese Frage nun immer klugen Menschen auf der allerersten Seite von form stellen. Und gleichzeitig würde ich sagen, dieses ständige Fragenstellen und Suchen macht gutes Design ja auch aus – gutes Design stellt sich selbst infrage.

Anton: Absolut. Es wird schnell existenzialistisch. Ist Design nun systemrelevant – oder nicht? Ich finde, Design ist irgendwie eine nicht-systemrelevante, systemrelevante Disziplin. Verstehste? Vielleicht muss man sich die Frage stellen: Wo wollen wir als Gesellschaft hin? Dann muss Design bei der Umsetzung dieser Vision assistieren.

Nina: Jaja, die Frage nach der Systemrelevanz. Ich war ja einigermaßen überrascht, als wir kürzlich den Designer Andreas Koop gefragt haben, ob Design denn nun systemrelevant ist oder nicht, und er sofort antwortete: Nein. Das tat dann schon irgendwie weh.

Anton: Haha :)

Anton: Ja, will man halt nicht hören.

„Gutes Design stellt sich selbst infrage“
Nina Sieverding

Nina: Lustigerweise habe ich diese Frage ein paar Wochen später dann noch mal auf einem Panel gestellt bekommen, als ich zwischen dem Designer und Professor Axel Kufus und Karel J. Golta, dem Geschäftsführer von Indeed, saß.

Anton: Was war eure Meinung?

Nina: Da waren wir uns alle einig. Klar ist Design systemrelevant. Vielleicht nur nicht nach Corona-Standards.

Anton: Corona-Standards sind aber die wirklich kritischen Faktoren, die eine Gesellschaft am Laufen halten.

Anton: Ist Design dann also immer Luxus?

Nina: Natürlich würde ich es begrüßen, wenn Designer*innen sich in politischen, gesellschaftlichen Diskursen noch VIEL MEHR beteiligen würden. Ich glaube aber, dass wir gerade erst am Anfang einer Bewegung stehen und dass sich da bereits in den letzten Jahren viel getan hat. Erinnerst du dich noch daran, als wir die Gender-Design-Expertin Uta Brandes interviewt haben und wenig später dann ein Interview gefunden haben, das sie vor ZEHN JAHREN der form gegeben hat? Vieles, was sie damals gesagt hat, sagt sie heute immer noch genau so. Ich glaube aber, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, wo ihr Gesagtes auf ganz neue Ohren trifft. Wir haben zu unserem neuen Interview so viele Rückmeldungen bekommen, was mich wahnsinnig überrascht hat.

Anton: Uta for Bundeskanzlerin, kann ich da nur sagen. Also ich mache drei Kreuze, wenn der*die erste Designer*in im Bundeskabinett sitzt. Das wäre schon echt ein Novum. Kann ja nicht sein, dass ausgerechnet ein relativ regressiver Berufsstand (Jurist*innen) die kompetentesten Gestalter*innen einer fortschrittlichen Gesellschaft sein sollen. Diversität ist auch da der Schlüssel, würde ich sagen. Was machen Designer*innen falsch? Warum kommen sie nicht an wirklich machtvolle Positionen?

Nina: Naja, so würde ich das jetzt auch nicht sehen ... Viele Designer*innen sind doch schon an vielen wichtigen Stellen verortet, auch als Quereinsteiger*innen – nur meistens dann eben in der Wirtschaft. Und als unpolitisch würde ich uns jetzt auch nicht bezeichnen. Selbst an den Kunst-Unis, an denen ich studierte, konnte der Design-Studiengang noch so klein sein – es waren aber immer Designer*innen im AStA vertreten. Und das hat sich auf die ganze Hochschule ausgewirkt – ich habe diese Menschen meistens als Macher*innen erlebt. Aber vielleicht ist es auch genau das: Dass sich Designer*innen dann lieber vor Ort (oft auch ehrenamtliche) Projekte suchen, in denen sie wirklich etwas bewirken können, anstatt sich in trägen, bürokratischen Systemen aufzuhalten, die sie nur frustrieren. Eine Begegnung, die mich im letzten Jahr wirklich sehr berührt hat, war, als ich ein Gründungsmitglied der Stadtlücken aus Stuttgart kennenlernen durfte. Typisches Projekt von Design- und Architekturabsolvent*innen, könnte man jetzt sagen. Aber ich fand einfach irre, was die alles in ihrem direkten Umfeld verändert haben, und welche Diskurse durch diese typische, oft-schon-so-ähnlich-gesehene Leerstandsnutzung angestoßen wurden.

Nina: http://www.stadtluecken.de

Anton: Ich finde es gut, dass du eine Lanze für die Designer*innen brichst. Warst du nicht eigentlich die Pessimistin? :) Du hast aber total recht.

Nina: Haha. Ich sag ja immer: Ich gehe immer vom Schlimmsten aus, dann kann ich nur positiv überrascht werden. Aber Anton, ich musste hier bislang die schwierigen Fragen beantworten, haha. Was ist denn gutes Design für DICH?

Anton: So geschickt wie du diesen Spieß (ich stehe anscheinend auf Militärmetaphern) umgedreht hast, solltest du wohl die erste Design-Kanzlerin werden. Nein, aber ernsthaft, das ist eine schwierige Frage. Wenn es um Kunst geht, habe ich eine klare Haltung: Kunst sollte wehtun, berühren und politisch sein. Bei einer Disziplin, deren DNA derart mit Wachstum und Kapital- und Marktinteressen verbunden ist wie das Design, ist es schwierig, einen eigenständigen Wertekanon zu entwickeln. Klar, Design sollte der Gesellschaft dienen, innovativ sein, inklusiv sein und so weiter, aber was bedeutet das genau? Leben wir nicht in einer Welt, in der das Wachstum und die menschliche Expansion all unsere großartigen Wertvorstellungen und Ansprüche hinwegfegt? Sollte Design nicht vielleicht sagen: Das Beste, was ich noch machen kann, ist mich selbst abzuschaffen? Ich spreche jetzt als Design, verstehste :).

„Sollte Design nicht vielleicht sagen: Das Beste, was ich noch machen kann, ist mich selbst abzuschaffen?“
Anton Rahlwes

Nina: Jetzt wird’s apokalyptisch.

Anton: Du weißt, ich mache gerne die ganz große Kiste auf.

Nina: Offtopic: Aber ich musste gerade ein kurzes Factchecking machen, ob wirklich noch nie ein*e Designer*in im Kabinett saß. Fun Fact: Wenn man designer + bundeskabinett bei Google eingibt, sind die ersten Ergebnisse:

Nina: Ich meine: LOL! Wenn Designerdrogen da an zweiter (!!!) Stelle auftauchen ...

Anton:
Haha, love it! Gut finde ich auch: Wenn man Designerin + Bundeskabinett googelt kommt:

Anton:
https://www.designtagebuch.de/regierungen-und-ihre-visuellen-identitaeten

Anton:
Regierungen und ihre visuellen Identitäten, was ein gutes Thema! Aber zeigt es nicht, was ich vermutete? Design wird als Dienstleistung gesehen. Als Mittel zum Zweck, wenn man den Menschen Crap verkaufen will. Stell dir mal vor, da wäre gekommen: „Nina Sieverding wird erste Ministerin des Innern, obwohl sie nur Design studiert hat.“ Oder so was.

Nina:
Haha.

Nina:
Aber Achtung!

Nina: Ist das Corporate Design der Bundesregierung jetzt etwa Crap? Design als Dienstleistung etwa Crap? Das ist doch ein bisschen drastisch formuliert, aber ich weiß, was du meinst. Mein Designverständnis hat sich ja auch in der Zeit bei form komplett gewandelt. Als ausgebildete Kommunikationsdesignerin war Design für mich lange Zeit vor allem das: Visualisierte Kommunikation! Und visuelle Identitäten wie die der Bundesregierung gehören da natürlich selbstverständlich dazu.

„Mein Designverständnis hat sich ja auch in der Zeit bei form komplett gewandelt.“
Nina Sieverding

Anton: Auf der verzweifelten Suche nach einer eigenen Identität öffnet sich das Design (was ich gut und richtig finde). Das Projekt „Black Liquor“ von Esther Kaja Stögerer und Jannis Kempkens, das wir im Rahmen der German Design Graduates mit dem form Progress Award auszeichnen, ist ja ein klassisches Materialthema.

Anton: https://germandesigngraduates.com/black-liquor

Anton: Und es ist außerdem ein Sinnbild für die komplexen Aufgaben und Ansprüche an denen sich junge Gestalter*innen heutzutage messen müssen. Aus lauter Überforderung, was nun ethisch korrekt ist, geht man zurück zum Anfang, zum Material. Aber hochskaliert ist natürlich jedes Material schlecht für die Menschheit, beziehungsweise den Planeten. Es ist ein Dilemma.

Nina: Naja, aber Materialentwicklung ist ja wohl ein Klassiker im Produkt- und Industriedesign!
Anton: Ja, schon, aber mit der Klimakrise im Nacken wird es eben zur „Du kommst aus dem Gefängnis frei“-Karte des Designs.

Nina: ... wenn man das sinnbildlich weiterdenkt, sitzen wir damit ja aber immer noch auf dem Monopoly-Spielbrett fest. Wie sähe denn ein postkapitalistische Designverständnis aus?

Anton: Du sagst es, hasst nicht die Spieler*innen, sondern das Spiel. Tja, wie sieht das aus ... ich würde sagen es geht immer noch darum, Design gesellschaftlich zu implementieren. Design muss raus aus dem Elfenbeinturm. Wenn es wirkliche Relevanz beanspruchen möchte, muss es in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen neue Ideen des Monopolybretts entwerfen.

Nina: Das ist aber ein schönes Abschlusswort, finde ich.

Anton:

Anton Rahlwes und Nina Sieverding

verantworten seit Anfang 2020 gemeinsam die Chefredaktion von form. Beide waren zuvor Teil des Redaktionsteams. Der an der FH Potsdam ausgebildete Designer Anton Rahlwes ist Mitgründer des Berliner Möbellabels OUT – Objekte unserer Tage. Für das international agierende Label verantwortete er unter anderem den visuellen Auftritt der Marke, diverse eigene Entwürfe sowie Messeauftritte auf der IMM Cologne. Nina Sieverding studierte Design in Braunschweig, Bremen und Valencia und absolvierte Praktika in der Stiftung Bauhaus Dessau und bei Zeit Campus. Ihre Masterthesis „Schaf und Mensch“ wurde unter anderem vom DDC ausgezeichnet.