DESIGN DISKURS
Queeres Design bedeutet nicht Regenbogen-Ästhetik, sondern Regeländerung: Designer Gabriel Fontana macht mit wandelbaren Trikots und fluiden Spielfeldern vor, wie Gestaltung Zugehörigkeit neu verhandelt – als gelebte Politik statt Symbolik.
Ich muss etwas Merkwürdiges über mich selbst gestehen: Als Kind habe ich beim Schauen der klassischen Disney-Animations-Filme immer mit den Bösewichten, den Schurken und den Spielverderber*innen sympathisiert. Nicht etwa, weil ich damals schon ein Faible für „Bad Guys“ hatte. Vielmehr hatte ich das Gefühl, die Figuren waren allesamt die missverstandenen, eigentlichen Protagonist*innen der Blockbuster-Filme meiner Kindheit; ihre Interventionen waren der Motor der Geschichte – und zudem besaßen sie auch viel mehr „Swag“ und Charisma. Sie waren Außenseiter*innen, exzessiv, überschwänglich, geheimnisvoll und theatralisch. Sie waren … anders.
Erst viel später sollte ich lernen, dass meine Faszination für die Bösewichte systemisch produziert und normativ gestaltet worden war: ALLE klassischen Disney-„Villains“ sind queer kodiert. Ihre Gesten, ihr Styling, ihre Kostüme und ihr Verhalten sollten sie als normüberschreitend, als außerhalb der heteronormativen, patriarchalen Werteordnung stehend markieren. Jafars Eyeliner und seine problematische Obsession mit dem jungen, gut aussehenden Aladdin aus „Aladdin“. Die Meerhexe Ursula aus „Die kleine Meerjungfrau“, deren Aussehen auf der berühmt-berüchtigten Drag Queen Divine basiert und deren laszive Hüftbewegungen und ihr Umgang mit den Meermenschen ein gewisses bisexuelles, omnivores Verlangen offenbaren. Oder Scar, der Löwe aus dem Film „König der Löwen“, der nicht einmal Hände besitzt, es trotzdem aber irgendwie schafft, ständig seine Handgelenke einzuknicken – die überzeichnete „limp-wrist“-Geste. Ebenso wie der Gott des Todes Hades, der quasi während des gesamten „Hercules“-Films durch die Unterwelt tänzelt. Schließlich bleiben noch Captain Hook aus „Peter Pan“ und Governor Ratcliffe aus dem Film „Pocahontas“. Beide sind klassische Beispiele für effeminierte Männer inklusive Perücke und Federn – beide tragen Lila und beide leben mit einer Gruppe gut gebauter Single-Seemänner zusammen. Just saying.
Diese wiederkehrende Ästhetik lehrte viele von uns, die sich auf eine erst noch unerklärliche Weise mit diesen Bösewichten identifizierten, schon früh eine Lektion: Anderssein war beides: faszinierend, aber gefährlich sowie anziehend, aber bestrafbar. Dabei begehrten die Bösewichte doch lediglich gegen die bestehende Werteordnung auf. Sie waren, so wie ich, anders. Sie waren als Außenseiter*innen dazu gezwungen, das Spielfeld vom Rand her zu beobachten, um die Regeln des Spiels zu verstehen, um diese dann zu ihrem eigenen Vorteil anzuwenden – mit einer Rücksichtslosigkeit, die aus der Bindungslosigkeit von Außenstehenden erwachsen kann. Doch ihr tragisches Scheitern war vorprogrammiert.
„Anderssein war faszinierend, aber gefährlich; anziehend, aber bestrafbar“
Dieser kurze Schweif in die Popkultur und ihre dominanten Ästhetiken ist kein Nebenschauplatz, sondern ein Einstieg in die Frage, wie wir mit Zuschreibungen umgehen – und wie Design genau an dieser Stelle politisch wird. Zu lange hat Gestaltung gesellschaftliche Normen lediglich stabilisiert oder eben genau zu diesem Queer-Coding und der damit verbundenen Stereotypisierung beigetragen. Es wird Zeit für queeres Design!
Gabriel Fontana: Regeln umschreiben, Körper in Beziehung setzen
Wenn der Mainstream beim Queer-Coding oft nur mit Zeichen und Rollen arbeitet, setzt der Designer Gabriel Fontana in seiner Designpraxis, für die er am 4. November 2025 mit dem iphiGenia Gender Design Award in der Kategorie „Evolution” ausgezeichnet wurde, direkt am Regelwerk des Spiels an. Statt neue „Figuren“ zu entwerfen, verändert er die Bedingungen, unter denen Spieler*innen und Figuren überhaupt entstehen: Zugehörigkeit, Sichtbarkeit, Kooperation. Sein Performance-Projekt „Multiform“, das er seit 2019 verfolgt, macht daraus ein fühlbares Experiment. Ein Pfiff – und das Skript kippt. Teamfarben wechseln, Allianzen verschieben sich, Identität wird zur Momentaufnahme. Das Spielfeld, eben noch Bühne der Eindeutigkeit, wird zur Probestation des Dazwischen.
Der Trick von „Multiform“ ist die Kopplung von Regeln und Kostümen, von Normen und Trikots. Deren Muster werden so gestaltet, dass sich nicht feste Zuschreibungen, sondern die Möglichkeit von Veränderungen durch eine Choreographie des Teamsports ergibt. Denn die Trikots lassen sich transformieren: Aus Blau wird Hellblau, aus Weiß wird Blau. Allianzen verschieben sich, Kooperation wird relational, Zugehörigkeit situativ – und das Team queer. Das Spielfeld wird durch das Design der Trikots zum Labor, in dem Rollen, Dominanzgesten, Machtverhältnisse und stereotype Männlichkeitsbilder ins Fließen geraten.
Aus der Perspektive der Performativität nach Judith Butler lässt sich Folgendes beobachten: Zugehörigkeit und Identität sind keine festen Essenzen, sondern entstehen durch wiederholte Handlungen, Signale und Rituale – sie werden gemacht. Fontana verschiebt genau diese Wiederholungen: Trikot, Pfiff und Regel bleiben erkennbar, werden aber anders gesetzt. Denn, wie Butler selbst betont, ist keine performative Wiederholung jemals perfekt oder vollständig; sie birgt immer das Risiko des Scheiterns, und im Scheitern liegt die Möglichkeit der Subversion. Drag, Parodie oder nicht-binäre Selbstdarstellung legen diese Spannung offen, indem sie das offenbaren, was Butler als „die imitative Struktur von Gender selbst“ bezeichnet – dass jede geschlechtlich definierte Rolle bereits eine Imitation ist, „eine Imitation ohne Ursprung“. Fontana zitiert also die Regeln und Rollen des Fußballs – nur anders. Aus der im Sport oft geforderten „Härte“ wird bei Fontana eine verletzliche Offenheit: Identitäten, die sich affizieren lassen, verletzlich und dadurch erst kooperationsfähig werden. Fontana materialisiert diese Durchlässigkeit: Das Team ist kein Block, sondern ein vorübergehender Zustand.
Dass Gabriel Fontana nicht beim Spielfeld stehenbleibt, zeigt „SIDELINED: A Space to Rethink Togetherness“ – der offizielle niederländische Beitrag zur Architekturbiennale Venedig 2025: Der niederländische Pavillon wird zur alternativen Sportsbar, einer hybriden Umgebung zwischen Sportsbar, Gym und Versammlungsort. Statt das Stadion als Spektakel zu feiern, rückt „SIDELINED“ die intimere Sportsbar als Ort der Identitätsbildung in den Fokus – ein Raum, der Zugehörigkeit stiften, aber auch Rivalität, Gruppendenken und Ausschlüsse verstärken kann. Fontana antwortet darauf mit Alternativ-Sportarten wie dem „Fluid Field“: Besucher*innen aktivieren den Raum an einem „fluiden“ Kickertisch, der binäres Denken unterläuft; Anti-Trophäen würdigen Werte wie Solidarität und Verletzlichkeit, während Video- und Soundarbeiten zeigen, wie gebaute Umgebungen und Sport als politische Aushandlungsräume funktionieren. Auch hier ist die Regel kein Zwang, sondern eine Einladung, Nähe neu zu verhandeln. Die Besucher*innen trainieren nicht Leistung, sondern Aufmerksamkeit: eine Mikro-Politik geteilter Wahrnehmung, die Sport wie Architektur als Werkzeuge sozialer Erfindung begreift.
„Aber warum faszinierten mich die Disney-Bösewichte dann so als Kind?“
Die Design-Politik in Fontanas Arbeiten unterscheidet eine dezidiert queere Designhaltung von bloßer Repräsentations-Diversität. Es werden nicht einfach nur Plakate divers bebildert oder alles bunt und in Regenbogenfarben dargestellt. Es geht nicht um die Kommodifizierung und Vermarktung von Queerness oder die Erschließung eines queeren Publikums als neue Konsument*innen. Vielmehr müssen die grundlegenden Regeln des Spiels durch Design neu geschrieben werden. Genau hier könnte ein „Queer Turn“ im Design beginnen, wie ihn die Designforscherin Ece Canlı beschreibt. Dieser „Queer Turn“ sei ein Projekt, das die Hegemonien einer materiellen Praxis freilegt, entfaltet und aufreibt – jene Hegemonien und Rollenbilder, die so tief in unsere kulturellen, sozialen und alltäglichen Kontexte eingelassen sind.
Desidentifikation als Methode des Gestaltens
Aber warum faszinierten mich die Disney-Bösewichte dann so als Kind, wenn ihre Repräsentation doch stereotypisch behaftet war? Der französische Strukturalist Michel Pêcheux beschreibt in seiner „Automatischen Diskursanalyse“ von 1969 zwei Möglichkeiten, wie sich auf diese Zuschreibung des queeren Außenseiters reagieren lässt: Ein moralisch integeres Subjekt würde sich mit der normativen Ordnung „identifizieren“ und versuchen, diese Zuschreibung durch moralisch gutes Verhalten und vorauseilenden Gehorsam zu vermeiden. Ein im Sinne der normativen Ordnung korrumpiertes Subjekt würde durch eine „Gegenidentifizierung“ die Bedeutung der Zuschreibungen generell infrage stellen, sich den von der herrschenden Ideologie vorgelegten Bildern und identifikatorischen Momenten widersetzen und versuchen, ganz aus deren Wirkungsbereich herauszukommen: „I am what I am“. Beide Strategien, die die politische Theoretikerin Hannah Arendt im Falle jüdischer Identität entweder als angepasster „Parvenu“ oder als schillernder „Pariah“ beschrieben hat, stabilisieren jedoch die normative Ordnung und bleiben sowohl in der Anpassung als auch als Ausnahme von der Regel vom Wohlwollen der Mehrheitsgesellschaft abhängig.
Statt sich normativ zu identifizieren oder rein oppositional gegenzuhalten, beschreibt der Performance-Theoretiker José Esteban Muñoz mit „Desidentifikation“ eine dritte Überlebensstrategie: ein An- und Gegen-Arbeiten an hegemonialen Bildern, das diese von innen her verschiebt. Hierbei spielt die ästhetische Lust am Klischee eine wichtige Rolle. Muñoz bringt hierfür ein persönliches Beispiel: Als er den offen schwulen Schriftsteller Truman Capote als Kind im Fernsehen sah, empfand er tiefe Freude daran, das wunderbar Zickige an dessen Sticheleien zu verstehen. Der Auftritt des Schriftstellers sei furchterregend und belebend zugleich gewesen. Das Furchterregend-Freudige an dieser Konfrontation sei eben jenes desidentifikatorische Verlangen nach einer vormals toxischen, stereotypen Repräsentation. Das vormals phobisch besetzte Objekt wird durch einen ästhetischen, „campy“ Auftritt als sexy und glamourös neu inszeniert und dekodiert und ist nicht länger das verächtliche Spektakel, zu dem es die heteronormative Öffentlichkeit machen will.
„Queeres Design wird zur Frage der Infrastruktur: zu Prozeduren, die Teilnahme gestalten, Affekte verteilen und Konflikte produktiv rahmen.“
Fontanas Arbeiten lassen sich in diesem Sinne als ästhetische Desidentifikation in Form bringen: Er nutzt die bestehenden Codes des Sports als Rohmaterial, um ihre politisch-moralischen Verknüpfungen ästhetisch umzulenken und Gegenöffentlichkeiten herzustellen. Das Spielfeld und die Sportsbar werden zu Probeanordnungen, in denen wir die uns zugeschriebenen Rollen ausprobieren können und dabei lernen, anders zusammen zu handeln: nicht als Symbolpolitik, sondern als praktizierte und materialisierte Regeländerung. So realisiert Fontana genau jene doppelte Bewegung, die Muñoz beschreibt: ein An- und Gegen-Arbeiten an der dominanten Logik, das von innen transformiert und zugleich lokale Widerstände ernst nimmt. Zentrales Element ist hierbei eine ästhetische Lust an diesen Codes und der Möglichkeit ihrer Umcodierung.
Von der Repräsentation zur Relation
Der Horizont liegt folglich im Umbau der Bedingungen, nicht im Spektakel neuer Zeichen. Queeres Design wird zur Frage der Infrastruktur: zu Prozeduren, die Teilnahme gestalten, Affekte verteilen und Konflikte produktiv rahmen. Der Maßstab verschiebt sich damit von der Repräsentation zu Beziehungsarchitekturen: Wie werden Rollen temporär, Zugehörigkeiten flexibel, Kooperation plausibel? Welche Aufmerksamkeitsökonomien werden trainiert und für wen?
Für Institutionen heißt das: weniger Diversity-Schaukasten-Kampagne, mehr inklusives Regel-Redesign. Für die Lehre: nicht nur Formen entwerfen, sondern andere Formate – Abläufe, Choreografien, Settings. Für die Politik: Gestaltung nicht als bunte „Kommunikation“ missverstehen, sondern als Regierung der Teilhabe im Alltag. Der Erfolg queeren Designs misst sich daran, welche neuen Rollen und Relationen real entstehen, etwa durch veränderte Körpereinsätze, geteilte Verantwortung, reduzierte Ausschlüsse; nicht daran, ob etwas besonders queer oder divers erscheint. Queeres Design kann hierzu die Methoden der Subversion, der Disruption und der Desidentifikation verwenden. Hierbei macht es ein zukünftiges „Noch-Nicht-Da“ im Vollzug in der Gegenwart erfahrbar. So wie Fontanas Arbeiten ist queeres Design eine präfigurative Versuchsanordnung, die heute schon ein anderes Morgen einübt. Es macht eine andere Zukunft nicht nur sichtbar, sondern praktikabel.
Hinweis: Dieser Text enthält Teile der Laudatio von Prof. Dr. Felix Kosok auf Gabriel Fontana, der am 4. November 2025 den iphiGenia Gender Award in der Kategorie Evolution im Museum Angewandte Kunst Köln verliehen bekommen hat.