REVIEW
Das Urban Now Lab hat am 20. Februar 2026 in Frankfurt am Main zwei sehr unterschiedliche Stadträume vor Ort diskutiert: das Lyoner Futura Quartier (ex-Bürostadt) im Süden und die Zeil in der Innenstadt. Der Urban Now Lab Actionday zeigte, wie urbane Transformation funktioniert – nicht nur als abstrakte Planung, sondern als co-kreativer Prozess zwischen Stadtgesellschaft, Wirtschaft, Planung und Gestaltung.
Transformation der Bürostadt – Lyoner Futura Quartier im Olivetti Hochhaus
Wie wird aus einer ehemaligen Nine-to-Five-Bürostadt ein lebendiger Stadtteil? Gemeinsam mit Bewohner*innen, Verwaltung, Wirtschaft und Fachleuten werden vor Ort Perspektiven zusammengeführt und konkrete Lösungsansätze entwickelt. Wir bekommen Einblick in global bewegende Placemaking-Projekte aus erster Hand, diskutieren die Perspektiven des Lyoner Quartiers und finden in Workshops gemeinsam zukunftsweisende Lösungen.
Das 144 Hektar große Areal steht exemplarisch für die Transformation monofunktionaler Gewerbegebiete, wenngleich die Mischbebauung bereits stattfindet. Zwischen Wohnumnutzung, Leerstand und neuen Investitionen stellt sich die Frage: Wie entsteht hier Identität, Aufenthaltsqualität und soziale Infrastruktur?
In den legendären Olivetti-Türmen von Architekt Egon Eiermann aus dem Jahr 1972 eröffneten fachlich fundierte Impulse den Actionday:
Felix Nowak von bb22 architekten + stadtplaner stellte die städtebauliche Gesamtplanung vor und skizzierte die strukturellen Leitlinien der Quartiersentwicklung. Nutzungsmischung, Freiraumqualitäten und Mobilitätsorganisation sind definiert, doch das Urban Now Lab setzte bewusst darüber hinaus an: Welche ergänzenden Visionen braucht es? Wo entstehen neue Drittorte? Wie kann ein Kiez-Gefühl wachsen?
Mit einem internationalen Perspektivwechsel brachte Hubertus Brüggemann von TOTO Europe GmbH das „Tokyo Toilet Project“ ein. Anhand der von renommierten Architekt*innen gestalteten öffentlichen Toiletten in Tokyo Shibuya wurde deutlich: Selbst funktionale Infrastruktur kann zu identitätsstiftendem Stadtraum werden, wenn Gestaltung, Haltung und gesellschaftliche Verantwortung zusammenspielen.
Detlef Hans Franke von der Standort-Initiative Neues Niederrad e.V. schilderte die Perspektive der Eigentümer*innen. Zwischen wirtschaftlicher Tragfähigkeit, Umnutzung und langfristiger Quartiersbildung zeigte sich: Nachhaltige Entwicklung entsteht nur im Zusammenspiel baulicher, sozialer und kultureller Faktoren.
Impulsvortrag und Teilnahmeaufruf durch Detlef Hans Franke von der Standort-Initiative Neues Niederrad e.V.
Ein weiterer inhaltlicher Höhepunkt war der Impulsvortrag von Wolfgang Frey von der Frey Gruppe. Seine Projekte verdeutlichten, dass Nachhaltigkeit nicht allein technologisch gedacht werden darf, sondern aus Haltung, Reduktion und langfristiger Verantwortung erwächst.
„Lyoner FUTURA Quartier“ Projektwettbewerb
Im Anschluss wurde der „Lyoner FUTURA Quartier“ Projektwettbewerb vorgestellt, kein klassischer Wettbewerb, sondern ein demokratisches Co-Kreation-Format. Interdisziplinäre Teams aus mindestens zwei Fachrichtungen können hier Lösungen und Visionen entwickeln und konkrete Interventionen für das Quartier vorstellen. Das Preisgeld wird ebenfalls durch die Juroren auf die Preisträger*innen verteilt. Die Jury setzt sich maßgeblich aus den Einreichenden selbst zusammen. Dieses transparente, dialogorientierte Verfahren stärkt die kollektive Verantwortung und entspricht dem interdisziplinären sowie partizipativem UNL-Prozess. Initiiert wird der Award vom Urban Now Lab, dem Deutschen Design Club und der Standort-Initiative Neues Niederrad e.V.
Zeil und MyZeil: Innenstadt im Wandel
Am Nachmittag verlagerte sich der Actionday bewusst in die Innenstadt, ins MyZeil. Der Ortswechsel war Teil des Konzepts: Stadt nicht nur diskutieren, sondern erfahren. Die Teilnehmenden wechselten in Gruppen per ÖPNV, Fahrrad oder PKW vom Lyoner Quartier zur Zeil.
Die Zeil – historisch gewachsen von der mittelalterlichen Häuserzeile zur umsatzstarken Einkaufsstraße – steht heute exemplarisch für die Herausforderungen vieler deutscher Innenstädte: Franchise-Strukturen, Online-Konkurrenz, Erlebnisformate, verändertes Konsumverhalten.
Der Rückgang des klassischen Einzelhandels ist bis auf wenige Ausnahmen unumkehrbar. Die Franchise-Geschäfte sind derzeit noch im Monokultur-Modus präsent. Doch was kommt danach oder wie wird sich der stationäre Handel verändern? Auf der Zeil geht es um neue Nutzungen, urbane Aufenthaltsqualität und die Frage, wie Innenstädte und Shoppingmeilen wieder zu gemeinschaftlichen Lebensräumen werden können.
Wir haben mitten im MyZeil-Gebäude, ein sogenanntes Kronenhaus, das weit vor den vielen eher neutralen Malls Impulse und Bedürfnisse aus Gesellschaft und Handel wiedergibt, eine Diskussion mit namenhaften Architekt*innen, den Betreiber*innen des MyZeil sowie den Geschäftsbetreiber*innen und weiteren Expert*innen erlebt. Der Actionday verband damit Impulse, Exkursion und Workshops. Ziel ist nicht die Diskussion um ihrer selbst willen, sondern sichtbare, umsetzbare Ideen zu entwickeln, um diese umzusetzen.
Kurz-Impulse aus unterschiedlichen Perspektiven eröffneten die Diskussion im MyZeil:
- Andrea Poul, MyZeil Center Management
- Philipp Keller, Lorey
- Volker Dingwerth, Soccerbeat
- Christian Eichinger, KSP Jürgen Engel Architekten
Moderiert von Anna Scheuermann entstand eine offene Diskussion über die Zukunft der Innenstadt: Wie kann sie über Konsum hinaus wieder sozialer Raum werden? Welche Nutzungsmischungen sind realistisch? Welche Rolle spielen Kultur, Sport, Bildung oder temporäre Formate?
Von der Vision zur Intervention
In den Workshops „Act It“ und „Seed & Grow“ am Vormittag sowie am Nachmittag wurden die offerierten Themen konkretisiert. Mit Persona-Karten wechselten die Teilnehmenden Perspektiven, entwickelten Ideen und führten sie in einem strukturierten Design-Thinking-Prozess bis zu prototypischen Ansätzen. Es entstanden Konzepte zu temporären Drittorten, hybriden Nutzungsmodellen aus Handel und Community, neuen Formaten urbaner Kommunikation und niedrigschwelligen Interventionen zur Steigerung der Aufenthaltsqualität. Der Fokus war breit von Visionen bis zu umsetzbaren Impulsen gezogen und nicht nur auf klassische Masterpläne ausgerichtet.
Wirkung und Ausblick
Der Actionday brachte zwei Stadträume in einen systemischen Zusammenhang: die strukturelle Transformation eines ehemaligen Nine-to-Five-Bürogewerbegebiets und die Zukunft hochfrequentierter Innenstadtlagen, die durch Faktoren wie beispielsweise den Onlinehandel unter Druck stehen. Hier wurde schnell erkannt, dass Transformation viele Chancen bietet.
Konkrete Resultate des gut besuchten Actiondays sind die Bildung interdisziplinärer Teams, neue Kooperationen mit Quartiersakteur*innen, der Start des „Lyoner FUTURA Quartier Projektwettbewerbs“ sowie die Vorbereitung weiterer thematischer Actiondays.
Das Urban Now Lab wird 2026 seine Methoden weiterentwickeln, lokale Prozesse vertiefen und das zentrale Urban Now Lab Event im Rahmen der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 vorbereiten und durchführen.
„Erlebt und kritisiert die Welt nicht nur bequem vom Display aus, gestaltet sie gemeinsam mit anderen. WDC bietet tolle Formate, macht irgendwo mit!““
Wolf Wagner, DDC Vorstand und Urban Now Lab-Mitinitiator
Initiatoren
Das Urban Now Lab zählt zu den großen offiziellen und teils geförderten Projekten der WDC, die im Rahmen der WDC durch Mitglieder des DDC unter der Initiative von Wolf Wagner (DDC Vorstand und selbstständiger Designer) und Heinrich Fiedeler (DDC Mitglied und selbstständiger Designer) entwickelt und durchgeführt werden.
Hintergrund: World Design Capital Frankfurt Rhein-Main 2026
Alle zwei Jahre wird der Titel World Design Capital (WDC) von der World Design Organization (WDO) aus Kanada verliehen. Frankfurt Rhein-Main trägt den Titel „World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026“. Das Motto der WDC 2026 lautet: „Gestalten wie wir leben wollen – Design for Democracy. Atmospheres for a better life.“
Träger der WDC ist die Stadt Frankfurt am Main. Förderer der WDC ist der Kulturfond Frankfurt Rhein-Main und das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum.
Team
Das Urban Now Lab-Team besteht aus DDC Mitgliedern und weiteren Beteiligten aus ganz unterschiedlichen Professionen: Ines Blume, Helene Fiedeler, Markus Gärtner, Heinrich Fiedeler, Wolf Wagner.
Sponsoren
- Speedpart
- Modulor
- Pyrus Panels
- Sue’s Kitchen
Kooperationspartner
- Standort-Initiative Neues Niederrad e.V. (SINN)
- Europa-Union Frankfurt e.V.
Förderung
Der Actionday wurden im Rahmen der Innovationsförderung Hessen in der Maßnahme „Förderung von Einrichtungen der Kultur- und Kreativwirtschaft“ durch das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum gefördert.
Locations
Wir danken ECE Group GmbH & Co. KG und Firma BUWOG Bauträger GmbH für die kooperative Bereitstellung der Locations.
Credits
Logo: Ines Blume, Wolf Wagner
Branding: Ines Blume, Tayo Osobu, Wolf Wagner
Illustration und Grafik: Ines Blume, Wolf Wagner
Fotografie: Ines Blume, Diana Djeddi, Heinrich Fiedeler, Youness Marzouki, Wolf Wagner
Moderationen
Anna Scheuermann
Ansprechpartner
Wolf Wagner, wolf.wagner@ddc.de